Der Schmerz

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Der Schmerz

Verzweiflung, Traurigkeit, unendliche Traurigkeit, Trauer. Ein tiefer Schmerz, ganz tief in meiner Seele. Er lauert. Er lauert darauf, mir weh zu tun. Er lauert darauf, emporzusteigen aus den Tiefen der Hölle, die in meinem Innersten brennt. Dieser Schmerz, kaum aushaltbar. Ich versorge ihn gut – mit Kummer und Pein. Unermessliche Qual ist es, mit der ich ihn füttere und an der er sich noch immer labt. Ich höre ihn schmatzen, er ist ein Genießer, streckt seine Krallen aus. Er will mehr. Mehr davon. Immer mehr. Unersättlich, sein Verlangen nach immer neuen Wunden. Er verlangt nach ihnen, er verlangt nach mir. Er begehrt mich. Er kaut langsam, damit der Geschmack lange erhalten bleibt; würzt seine Leibspeise mit Schrecken und Angst. Es ist meine Angst. Angst davor, hinzusehen, wie er vor lauter Freude seine Fratze zeigt, sein Geifer aus seinen Mundwinkeln tropft, voller Vorfreude. Er lacht mir ins Gesicht. Ich sehe ihn grinsen. Es wechselt seine Gestalt, doch ich erkenne ihn an seiner Gier, die körperlich zu spüren ist. Sie liegt wie ein Totenschleier über seinem Opfer. Über mir. Sein Magen knurrt. Er hat Hunger, will gefüttert werden. Er will mehr, mehr von mir. Doch nicht hastig, nein. Stück für Stück. Langsam, mit Bedacht. Er spreizt seine Finger. Mit seinen Teufelskrallen fasst er nach mir. Ich schaue gebannt und kann nicht weglaufen. Mein Atem stockt. Ich bin starr, nicht in der Lage mich zu bewegen. Leblos. Ich möchte schreien, doch es gelingt mir nicht. Mein Mund ist trocken. Ich lehne an der Wand. Er kommt näher. Es ist nicht in Ordnung, es ist falsch. Ich spüre seinen Atem, schließe meine Augen. Nein, nur nicht hinsehen. Warum hilft mir keiner? Kann es denn niemand sehen, erkennt ihn niemand? Warum beschützt mich niemand, nimmt den quälenden Schmerz von mir? Es tut so weh. Ich stelle mir die Frage nach dem Warum. Warum? Warum ich? Warum dieses Leben? Und warum sind diese Schmerzen immer noch so stark?

„Wehre dich nicht! Dann wirst du keinen Schmerz fühlen.“

Wogegen wehren? Gegen das, was meiner Seele bestimmt ist? Gegen die Wahrheit? Leid zu ertragen, das nie enden wird?

Wenn ich nicht wahnsinnig bin, werde ich es – wahnsinnig. Wahnsinnig vor Schmerz. Wann habe ich die Kontrolle über ihn verloren? War er jemals unter Kontrolle – unter meiner Kontrolle? Ich bin irre. Ich muss irre sein.

Ich lächle. Ich weiß, wie absurd meine Fragen klingen, wie absurd meine Gedanken scheinen. Wer sollte mir antworten, wer meine Gedanken lesen können und wollen? Ich grinse und schimpfe mich eine Närrin.

„Du bist wahnsinnig“, stelle ich fest. „Total irre.“

Ich halte mir die Ohren zu. Dröhnen und Pochen fordern mich heraus. Ich schlage mit meinen Fäusten gegen die Wand. „Aufhören!“ schreie ich. „Ich halte das nicht mehr aus. Verschwinde aus meinem Leben, verschwinde aus meinem Kopf, meiner Seele!“

Er lacht hämisch. Der Spott glänzt in seinen Augen.

„Sie dich doch an, dreh dich um! Siehst du jemanden? Jemanden, der dir beisteht, dir zuhört?“ Er brüllt vor Lachen.

„Siehst du irgendjemanden, den dein kümmerliches Dasein interessiert? Du atmest, aber LEBST du? Jeder andere wüsste schon die Antwort. Glaubst du wirklich, dass du etwas Besonderes bist? Denkst du das?“

Ich weine, werfe mich gegen die Wand. „Hör auf, bitte! Was soll ich tun?“.

„Du bist schon längst gestorben, meine Liebe. Warum kämpfst du noch? Lass endlich los! Was hält dich hier?“

Ich halte inne, konzentriere mich auf die bedrohliche Stimme, die nun fast väterliche Züge angenommen hat.

„Du hast genug gelitten. Glaube mir endlich. Ich bin für dich da. Ich war es, der immer für dich da war und für dich gesorgt hat. Du hast immer gespürt, wenn ich da war. Bei dir. Wie lange kennst du mich nun schon?“

„Mein ganzes Leben“, stottere ich.

„Ja, bin ich nicht dein treuester Begleiter?“

Ich nicke und blicke in den Spiegel. Ein Schatten, ich drehe mich blitzschnell um.

Sein väterlicher Ton verschwindet, er freut sich wie ein Troll. Spitzbübisch.

„Reingelegt, meine liebe Freundin.“ Er fiel in schallendes Gelächter. „Ich spiele so gern mit dir. Es ist so schön mit dir. Weißt du, ich kenne dich schon so lange, du bist ein Teil von mir geworden und ich ein Teil von dir, nicht wahr?“ Er zwinkert schelmisch.

Ich schließe die Augen und halte mir die Ohren zu.

 

© Svea Kerling aus „Schwarz oder Weiß, Borderliner kennen kein Grau“, erschienen 2014 im Orange Cursor Verlag, Klagenfurt

zB. Für den Kindle bei Amazon

oder als Taschenbuch beim Verlag

 Mehr zu „Bilder aus dem ICH“ von Bianca Maria Samer

 

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3 Antworten zu “Der Schmerz

  1. Es ist zwar aus einem Buch für Borderline, aber dennoch finde ich mich darin.
    In manchen Teilen dieses Textes fand ich Züge, die ich selbst kenne, trotz dass mich „nur“ Depressionen quälen.

    Und ich weiß jetzt nicht wirklich, warum ich hier bin, aber…
    dennoch danke.
    Danke dafür, dass ich das jetzt lesen durfte.

    Liebe Grüße,
    BlackForest

    Gefällt 1 Person

    • „Nur“ Depression? Oh nein. Ich habe es geschrieben und für mich ist es nicht „nur“ ein Buch über Borderline. Für Borderline. Es soll Einblick gewähren, in unser „aller“ Psyche. Wir, die hinter den Vorhang schauen mussten. Gelernt haben, diesen Vorhang zur Seite zu ziehen und dahinter zu blicken. Warum du hier bist? Warum ich? Wir? Ich weiß es nicht. Weil wir es sind. Das Leben ist nicht zwingend schöne und wenn wir einen dieser schönen Momente erhaschen, sollten wir diesen Moment in uns aufnehmen. Und weißt Du, „schön“ ist nicht gleich „schön“. Was ich in meiner Welt für schön empfinde, ist für andere ein Albtraum. Sie rümpfen die Nase und denken, wieso und die ist verrückt. Nur weil die Mehrheit meint, ETWAS sei schön, muss es das nicht sein. Nicht für dich. mich. who ever … fühl dich umarmt, Svea

      Gefällt 1 Person

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