Nachtruhe

bianca5

Ich konzentriere mich auf meinen Atem; versuche so, die Anspannung aus mir zu verbannen; mich zu beruhigen. Ruhig mein Herz, schlage still.

Ich mag es sehr. Ich mag es, wenn die Stille einkehrt in der Klinik. Niemand schleicht mehr durch die Gänge. Keine verstohlenen Blicke, kein unmotiviertes Grinsen und kein beschämendes „Hallo“. Kein Heucheln von Freude und guter Laune. Es ist einfach still. So, wie ich es liebe. Wenn die Nacht endlich ihren schützenden Schleier ausbreitet und man die Geister nur mehr schemenhaft erblickt. Dann, wenn der Wahnsinn schläft. Dann, wenn die Furcht vor der Nacht andere erschaudern lässt. Ja, dann fühle ich mich geborgen.

Die Tür wird leise geöffnet. Das schwache Licht einer Taschenlampe tastet meine Umrisse ab. Ich bin nicht weggelaufen, ich bin noch da. Mehr braucht es nicht.

Die Schwester schließt die Tür. Ich bin wieder allein. Ich höre mein Herz. Es pumpt das Blut durch meine Adern. Was wäre, wenn es plötzlich stehen bliebe? Ich schüttle den Gedanken ab, halte inne. Irgendjemand ruft meinen Namen. Ich zweifle für einen Moment, lausche gespannt. Ja, unverkennbar. Jemand ruft nach mir. Und diesmal war es nicht die Stimme in meinem Kopf. Ich schlüpfe in meine Hausschuhe und gehe langsam zur Zimmertür. Sie ist verschlossen. Kann mich nicht daran erinnern, das Drehen eines Schlüssels im Schloss gehört zu haben. Ich versuche es nochmals. Es wundert mich nicht, dass sich die Tür nunmehr ganz leicht öffnen lässt. Der Schlüssel steckte außen im Schloss. Ich verwerfe alle Gedanken an mögliche Erklärungen. Ich weiß, ich werde keine finden. Nicht jetzt. Ich blicke in den Flur. Meine Blicke tasten die Wände ab. Die flackernden Halogenlampen lassen den Gang unheimlich wirken. Ich bilde mir ein, schleppende Schritte zu hören. Doch es ist nichts zu sehen. Es ist nur die Anspannung, die mit meinen Nerven spielt. Fantasie und Realität kämpfen erneut um die Vorherrschaft. Das flackernde Licht stört mich. Noch nie habe ich dieses Tor zwischen den Welten gemocht. Vorsichtig schleiche ich den Gang entlang; ein paar Türen weiter. Ich bin mir sicher, wieder meinen Namen zu hören. Ich kenne diese Stimme. Meine Neugier versetzt mir einen Stoß und ich greife nach der goldfarbenen Türklinke. …

 

 Mehr zu „Bilder aus dem ICH“ von Bianca Maria Samer

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