Warum starrt ihr so?

bianca3Was sind das für Menschen auf der anderen Seite? Warum starren sie mich an? Warum lachen sie mich aus? Warum haben sie so hässliche Fratzen? Sie kommen mir bekannt vor. Ja, ich kenne sie, doch ich kann mich nicht erinnern. Sie zeigen auf mich. Sie lachen, sie tuscheln. Ich lehne mit dem Rücken an der Wand. Ich schnappe nach Luft, mein Puls rast. Ich kann meinen lauten Herzschlag hören. Vielleicht lachen sie deshalb. Ist mein Herz zu laut? Atme ich zu laut? Ich sehe schwarze Haarsträhnen am Boden und greife erschrocken auf meinen Kopf. Meine Haare, sie sind kurz. Erst jetzt bemerke ich die Schere in meinen Händen. Warum und wann habe ich mein Haar abgeschnitten? Die Schere fällt in Zeitlupe auf den Boden. Ich sehe ihr nach wie sie durch den Boden hindurch fällt. Sie ist einfach weg. Warum macht sich der Boden nicht auf und verschlingt mich? Bitte! Jetzt! Ich fahre mit beiden Händen durch mein kurzes Haar. Es ist ungleichmäßig und fransig geschnitten. Ich fühle eine kahle Stelle am Hinterkopf. Jetzt dämmert es mir. Darum lachen sie. Ich muss lächerlich aussehen; peinlich. Ihr Gelächter wird lauter. Ich halte mir die Ohren zu, doch ich kann sie noch immer hören. Ich stemme mich gegen die Wand. Ein Schatten kommt auf mich zu. Die Meute wartet gespannt. Der Schatten ist groß und wirkt bedrohlich. Er kommt immer näher, wird größer und größer. Ich strenge mich an, um zu erkennen. Es ist ein Stein. Nein, mehr ein großer Fels. Wie kann sich so etwas Schweres bloß so leicht bewegen? Und genau das kommt auf mich zu. Ich erstarre, kann nicht ausweichen. Ich habe keine Kontrolle über meinen Körper. Meine Beine wollen nicht laufen. Sie wollen hier stehen bleiben und warten. Warten auf das Unausweichliche. Genau hier. „Bitte helft mir! Helft mir doch! Warum starrt ihr mich bloß so an? Was habe ich euch getan? Bin ich so ein böser Mensch? Was habe ich verbrochen? Was habe ich falsch gemacht? Ich mache es wieder gut. Ich verspreche es. Aber bitte, haltet es auf.“ Ich erstarre. Noch immer lacht die Menschengruppe. Noch immer zeigt sie auf mich. Der Fels wird immer bedrohlicher. Ich kann seine Kälte spüren. Ich weiß, wie stark er ist. Ich weiß, was er will. Ich bin schuld. Ich spüre den kalten Atem des Todes. Warum habe ich Angst? Das ist es doch, was ich will. Das ist immer mein Wunsch gewesen. Warum stelle ich mich so an? Sie alle warten darauf, dass mich der Schattenfels zertrümmert. Er ist genau vor mir. Eiskalt. Ich friere. Ich japse nach Luft, doch nicht mal die ist mir geblieben. Mein Brustkorb schmerzt, meine Lunge brennt. Ich spürte den Schmerz. „Lass los, gib dich mir hin. Ich verspreche, es wird nicht wehtun. Ich werde dir nicht wehtun. Ich verspreche dir, du wirst nichts spüren. Du musst es nur zulassen. Lass es zu.“ Ich höre noch das letzte laute Geräusch. Die lärmende Menge ist verstummt. Ich sinke zu Boden und er hält sein Versprechen. Ich spüre keine Schmerzen. Ich fühlte mich so leicht. Alles ist so klar. Es ist so leicht, zu sterben. Warum habe ich mich gewehrt? Danke.

© Svea Kerling aus „Schwarz oder Weiß, Borderliner kennen kein Grau“, erschienen 2014 im Orange Cursor Verlag, Klagenfurt

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oder als Taschenbuch beim Verlag

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