Nur ein kurzer Augenblick …

stumble and fall

Ich war schon anders in frühesten Kinderjahren; ich sah nicht das, was andere sahen. — EDGAR ALLAN POE

Ich verliere den Halt und falle zu Boden. Diese verdammten Steine. Meine Lunge brennt. Ich bekomme kaum noch Luft. Ich muss weiter. Nur nicht umdrehen. Auf gar keinen Fall umdrehen.

Wenn es so doch offensichtlich ist, warum dann dem Grauen ins Angesicht blicken

Ich weiß es. Kein Zweifel. Das Monster ist hinter mir. Ganz nah. Sein modriger Gestank dringt in meine Nase und füllt meine Lunge mit fauligem Atem. Ekel steigt in mir empor; nimmt Besitz von meinem ganzen Körper. Ich möchte raus. Raus aus mir. Raus aus meinem Körper. Nicht mehr gegen das Unvermeidliche ankämpfen. Es wäre ein Leichtes, stehen zu bleiben. Es wäre nur ein kurzer Augenblick, nur für die Dauer eines Wimpernschlages und alles wäre vergessen. So leicht im Grunde. Doch nein, etwas in mir möchte nicht. Möchte nicht aufgeben und kämpft.

Dieses eine Etwas kämpft weiter. Kämpft um ein Sein, das es noch zu finden gilt. Meine Beine laufen, angetrieben vom Urinstinkt, der allem Leben innewohnt.

Nackter Überlebensinstinkt ist es, der mich dazu zwingt, nicht aufzugeben.  Dazu zwingt, zu laufen; quer durch diese Wüste, geschaffen aus Sand und Geröll. Es ist heiß. Unerbittliche Sonnenglut versucht wohl ernsthaft, Gestein zum Schmelzen zu bringen. Doch weit gefehlt. Meine Haut wird es sein, die der Hitze zum Opfer fallen wird.

Ich brenne. Meine Lungen. Meine Haut. Flammen lodern. Ich rieche verkohltes Fleisch. Es ist mein Fleisch. Ich kann nicht mehr. Ich kann nicht mehr weiterlaufen. Ich will nicht mehr weiterlaufen.

Ich will …

Ja, ich will den Zeitpunkt meines Todes selbst wählen: Jetzt. Ich will sterben.

Meine Augen. Sie spielen mir wohl – wie so oft – einen Streich. Ein weißes Haus vor mir. So als hätte es niemals etwas anderes getan, als mitten in der Wüste zu stehen und zu warten. Warten worauf?

Worauf mag das Haus wohl warten? Hier mitten im Nirgendwo. Ich muss träumen. Ist womöglich alles nur ein Traum? Ist der Tod selbst nur ein einziger Traum? Soll das alles gewesen sein? Ein Haus? Sonst nichts? Wartet der Tod persönlich darin? Auf mich? Ja, bitte warte auf mich. Ich beeile mich. Meine Beine tragen mich nicht schneller, aber ich bin gleich da. Nur noch diese Stufen zur Veranda hoch. Jetzt nicht stolpern.

Leseprobe aus „S. Kerling meets E.A. Poe“ (Meeting I)

Bild mit freundlicher Genehmigung: http://bibi.ougenpeyn.de/

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6 Antworten zu “Nur ein kurzer Augenblick …

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