Er sah ihnen den Schmerz an …

Er sah ihnen den Schmerz an. Ihre zu eisigen Masken gefrorenen Gesichter. Ihre ausgemergelten Körper, angetrieben aus Angst, den Mut nicht zu verlieren.

Ihre Augen; sie bemühten sich, ihre leeren Höhlen zu verbergen. Sie würden am liebsten hineinkriechen wollen. Nichts mehr sehen wollen. Hinein jenes das Nichts zu sehen, das vor ihnen lag.

Es war ihm ein Rätsel. Immer schon gewesen. Daran würde sich nichts ändern. Stolz und Tatendrang waren es, die ihren Opfern alles abverlangten. Vollkommene Befriedigung war es, die sie forderten. Von Woche zu Woche. Von Tag zu Tag. Von Stunde zu Stunde. Von Minute zu Minute. Von Moment zu Moment. Bis …

Bis zu jenem Augenblick, der ihr letzter sein würde. Dieser Augenblick, den sie mit genau dem bezahlten, was ihnen so lieb und teuer war: Ihrem Leben. Sie alle wollten das Leben auskosten. Ein Stück davon kosten, ohne nur einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, dass dieses Stück genau danach schmeckte, was es schlussendlich auch war: Nach Tod. Es war der Tod selbst, der ihnen mundete.

Mitleid? Nein. Es amüsierte ihn. Er amüsierte sich sogar königlich dabei, der Vernichtung dieser allesamt jämmerlichen Kreaturen beizuwohnen. Nicht das Leben war ein Spiel, er lachte in sich hinein.

»Ihr irrt meine Freunde. Der Tod ist es, der mit euch spielt und wir wissen alle, wer nicht verlieren kann. Niemals. Es ist wider sein Sein.«

©Svea Kerling 

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9 Antworten zu “Er sah ihnen den Schmerz an …

  1. Poe war der Beste. Ich liebe ihn und habe alles von ihm und über ihn gelesen. Habe hier noch nicht viel gelesen, aber denke, was du schreibst ist auch eine Verbeugung vor dem großen Dichter, der mehr Künstler inspirierte als jeder andere. Du bringst ihn in Erinnerung und setzt ihm ein Denkmal, indem du dich ganz hingibst, in deine Seelentiefe eintauchst und ans Licht ziehst, was verbunkert in dir schlummert. Poes Lyrik und seine Storys sind sprachliche Musik, rein und klar im Ton und da ist kein Wort zuviel oder zuwenig. Du schreibst anders als er, schreibst in deinem eigenen Stil und doch bezauberst du und ziehst mit Worten in die Welt Poes, die auch deine Welt zu sein scheint. So bildest du eine Brücke zwischen Spätromantik und Moderne und das ist genau das, was heute fehlt: Ich bin etwas geplättet und einfach begeistert. Nicht leicht dein Unterfangen und kostet viel Zeit und Arbeit. Ich wünsch dir weiterhin Glück und Freude beim Schreiben und auch, dass der Erfolg nicht ausbleibt, aber wir Künstler schielen nicht auf Erfolg und Wohlleiben: Wir sind glücklich, wenn wir schaffen, wenn wir Werke schaffen, die unsere Kinder sind, die mit uns leben und atmen. Du wirst noch manches bewegen. Auch Poe war Borderliner, sonst hätte er nicht diese grausam-schönen und romantisch-schwarzen Rachegeschichten schreiben können. Aber Poe war kein Psychopath: Poe verfügte über Mitgefühl und Empathie.

    Ich kann dich nur betärken und ermutigen. LG PPschen ❤

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    • Mir gings ähnlich beim ersten Lesen von Poe. Es war wohl auch die direkte Ansprache an den Leser, auf den er immer eingeht und dass ich sofort die Geistesverwandtschaft spürte. Man bleibt ja immer bei dem, was seiner eigenen Seele am Nächsten kommt und so ist Poe mein Bruder im Geiste.

      Ich glaube schon – hatte Psychoanalyse nur als Nebenfach – dass er Borderliner war. Manche sagen, er sei zudem Psychopath gewesen, aber das glaube ich nicht, auch wenn er Gewaltphantasien gehabt haben sollte.

      Zur Unterscheidung: Das Borderline-Syndrom ist eine Frühstörung, entsteht dadurch dass man in jungen Jahren ein Manko erfährt, etwa an Zuwendung und Liebe. Und so trägt man eine undefinierbare Wut und Aggression in sich.

      Psychopathie aber ist eine angeborene Missbildung des Gehirns: Der Bereich für das Mitgehühl und die Empathie ist unterentwickelt oder fehlt total.

      Borderline wird also erworben und Psychopath ist angeboren.

      Borderline ist therapierbar, der Psychopath ist nicht zu therapieren. Nicht jeder Psychopath wird auch straffällig und die meisten passen sich unauffällig an, auch wenn sie spüren, dass ihnen etwas fehlt, etwa Mitgefühl, Gewissen und Reue.

      Auch Kafka war Borderliner, der in seinem Brief an den Vater sich auch so darstellt: Er fühlte sich seit frühester Kindheit von seinem Vater nicht anerkannt.

      Jedenfalls habe ich die Erkenntnis, dass jede gute Literatur aus der Krankheit der Seele erwächst und diese zu Kompensieren sucht: Gute Literatur ist immer auch Leidens- und Krankengeschichte des Autors.

      So lässt Poe in seinen Geschichten die vernagelten Leichen in seiner Seele wieder auferstehen. Er litt unter dem Verlust der Mutter, sah sie als Kind sterben: Das prägt für ein ganzes Leben.

      Und wenn wir uns hier umschauen: Haben wir nicht alle unsere Seelenballast zu tragen und laden sie ab, indem wir bloggen? Aber das ist das Gute am Schreiben: Es befreit, es ist Seelenreinigung, es ist Therapie und Selbsttherapie. Ich danke dir dafür, dass es dich gibt: Du gehörst zu denen, die mich retten. Danke ❤

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      • Interessant, dann bin ich bei dir ja richtig, denn ich frage mich schon lange, ob sich das weitervererbt. Meinst du, dass es ganze Familien gibt, die aus Psychopathen besteht? Ich kenne so eine Familie und habe den Verdacht ..

        Mit seinen Geistern muss man leben und versuchen, anstatt sie loszuwerden, sie zu umarmen, sie zum Freund zu machen. Ja, ich weiß: Ich gut gesagt ..

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      • Ne, nicht bis die Luft ausgeht 🙂 Umarmen im Sinne von „annehmen“. Denn die Eigenschaften, die uns innewohnen können wir nicht abschütteln und einfaches „Hinnehmen“ macht uns nicht glücklich. Aber wenn wir dazu stehen und keinen Flüch und keinen Segen ausgrenzen, der uns ausmacht, könnte uns das stärken.Es gibt Menschen, die verleugnen sich selbst, indem sie ihre dunklen Triebe verleugnen. Das geht so lange gut, bis die dunklen Triebe sich verselbständigen und ein Eigenleben führen. Siehe auch: „Der Steppenwolf“ von Hermann Hesse.

        Ich seh mich der Gothik-Bewegung verpflichtet, trage nur schwarz, höre am liebsten Death Metal. Paradise Lost ist meine Lieblingsgruppe. Und hab auch gelernt, mit dem Morbiden, Selbstzerstörerischen, dem dunklen Element in mir Hand in Hand zu leben wie mit einem guten Freund in Gemeinschaft 😉

        LG PP (=Prinz Prospero)

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