Mein Freund, sei mir nicht gram …

Mein lieber Freund,

die Zeit meint es nunmehr gut mit mir. Sie erweist sich mir gegenüber als gnädig, so dass ich hier und jetzt meinem Versäumnis nachkomme und folgende Worte an Dich richte.

Zum wiederholten Male möchte ich mit meinigen Worten zum Ausdruck bringen, wie sehr es mich mit Ehre erfüllt, als ein Teil Deines Seins zu leben. Und dennoch, es stürzt  mich in tiefste Trauer, dass Du hierfür in den Abgrund meiner Seele blicken musstest. Aus freien Stücken. Ich bin fürwahr nicht in der Lage, mir auch nur auszumalen, welche Monster Du erblicktest und welchen Abscheulichkeiten du Dich zu stellen wagtest. Und dennoch, Du reichtest ihnen die Hand und versprachst ihnen ein neues Zuhause.

Nun, mein lieber Freund, Du fragtest nach meinem werten Befinden. Es ist nichts an Wert daran. Weder an meinem Befinden noch an mir. Doch wage ich das Eingeständnis und möchte Dir berichten. Über etwas Neues. Etwas nie Dagewesenes. In mir ist etwas Neues. Etwas wurde in meinen Körper hineingeboren. Etwas, das nie hätte geboren werden dürfen. Etwas Unerbittliches in seiner Art. Etwas, das keine Gnade kennt. Es fügt mir Schmerz zu. Alles in mir formt sich zu einem Aufschrei. Meine Knochen schmerzen. Meine Augen so trüb, dass allein die Dunkelheit es ist, die mich vor Blindheit schützt. Meine Zähne verhöhnen mich immerzu, wenn ich mit einem alten Laib Brot meinen zerschundenen Körper nähren möchte. Allein die unsägliche Müdigkeit hält davon mich ab, vor mir selbst zu flüchten.

Das Wachsein ist eine Qual und noch größer der Pein, der mir in meinen Träumen widerfährt. Könnte sich mein Inneres in ein Äußeres verkehren, so glaube ich, wäre es dies, was mir widerfährt.

Mein lieber Freund, so wandre ich allein zwischen den Tälern Hoffnung und Lüge. Ich klammere mich an das, was allgemein gerne als Leben benannt und doch mit dem Wunsch endlich diesem entsagen zu können. Meine Einsamkeit erträgt das Alleinige nicht mehr.

So bitte ich Dich nun, du als Freund, sei mir nicht gram und sei mir auch ein Freund in dieser Stunde meiner Angst. Diese Stunde ist alles, was von mir bleibt.

In ewiger Dankbarkeit.

 

© Svea Kerling

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51 Antworten zu “Mein Freund, sei mir nicht gram …

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