S. Kerling meets E. A. Poe – Meeting I

Ich verliere den Halt und falle zu Boden. Diese verdammten Steine. Meine Lunge brennt. Ich bekomme kaum noch Luft. Ich muss weiter. Nicht umdrehen. Auf gar keinen Fall umdrehen.

Wenn es doch so offensichtlich ist, warum dann dem Grauen ins Angesicht blicken?

Ich weiß es. Kein Zweifel. Ich spüre es. Das Monster. Es ist hinter mir. Ganz nah. Sein modriger Gestank dringt in meine Nase und füllt meine Lunge mit fauligem Atem. Ekel steigt in mir empor; nimmt Besitz von meinem ganzen Körper. Ich möchte raus. Raus aus mir. Raus aus meinem Körper. Nicht mehr gegen das Unvermeidliche ankämpfen. Es wäre ein Leichtes, stehen zu bleiben.

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Die Welle …

… und sie alle schwammen zur vermeintlich Rettung verheißenden Küste. Sie schwammen um ihr Leben. Kämpften um ihr Leben. Doch ich war wie gelähmt. Konnte nicht. Wollte nicht. War zu weit entfernt.  Doch es tat nichts zur Sache. Ich wusste es. Nichts würde ihr Leben retten.  Mein Leben.  Wozu dieses ganze Ringen. Ringen um Luft. Um etwas, das sich mir  mit allem Sein widersetzte.

Die Welle. Sie ließ mich ahnen. Ich spürte wie sie näher kam.

Ein kleiner Felsvorsprung. Rutschig. Im selben Moment als ich danach griff, kam mir allein der Versuch schwachsinnig vor. Dachte ich wirklich hier Halt finden zu können? Das lächerliche Klammern war nur eine eingebrannte instinktive Reaktion.

Dieser Lärm. Ein schier unfassbares Dröhnen. Mein Körper wurde nach hinten gezogen, nur um anschließend nach oben gesaugt  zu werden. Immer höher. Und dann … die Welle ließ von mir ab. Machte Platz für ihre Gefährten. Mit voller Wucht begruben sie mich unter sich.

Stille. Ganz leise. Warum wehrte ich mich nicht? Warum nicht versuchen? Ein Versuch, nichts mehr als ein klägliches Scheitern. Das Wasser drang in meinen Körper. Ich atmete tief ein. Kein trügerischer Instinkt mehr. Beinahe gierig trank ich das Wasser. Der anfängliche Schmerz erlosch.

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Der Tod – er stand einfach nur da.

Dieser Traum

Die angenehmsten Menschen sind jene,
die nie gelebt haben. (E. A. Poe)

Sie hielt die Luft an, um besser in den Wald zu hören. Deutlich vernahm sie des Menschen letzten Atemzug. Ganz leise. Niemand anders konnte sein Wimmern mehr hören. Niemand sonst hätte sein Wehklagen hören wollen. Nur sie.

Sie kannte diesen Blick. Der Blick, wenn man sich dazu entschließt, sein Leben gehen zu lassen. Es war jener Augenblick, in dem man sich der Ausweglosigkeit bewusst wird. Dann, wenn man die Aussichtslosigkeit in sich aufnimmt. Wenn das Leben dem Tod Platz macht. Wenn es sich bereitwillig und aus freiem Willen zurückzieht.

Ein letzter Kampf, ein letztes Aufbäumen, bis man es endlich verinnerlicht hat. Ein letzter quälender Atemzug, nur um dann endlich loszulassen. Das Leben freizulassen und ihn willkommen zu heißen. Ihn, nach dem sich zu diesem Zeitpunkt alles in einem gequälten Körper sehnt: Den Tod.

Der Tod will nur eines: Jene, die nach ihm rufen und ihn darum bitten, von den Schmerzen zu befreien. Er kommt als das, was er ist. Als ein treuer Gefährte. Als eine Erlösung. Das Ende ist immer gleich. Es sind nur Nuancen, die sich voneinander unterscheiden. Ein bisschen höher, bisschen länger, klein wenig kürzer. Lauter, leiser. Doch nie ist er auch nur um eine Spur gnädiger.

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S. Kerling meets E. A. Poe

Sie kennen dich …

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Sie warten. Warten auf den richtigen Moment. Auf den Moment, in dem du sie einlädst. Aus freien Stücken. Aus eigenem Willen.

S. Kerling meets E. A. Poe

 

Schäbiges Licht …

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Das schäbige Licht meiner schäbigen Lampe taucht das Zimmer in schäbiges Dunkel. Seit geraumer Zeit übernimmt diese Lampe die Funktion meines treuen Begleiters und Wächters in der Nacht. Sie gibt mir das Gefühl der – wenn auch trügerischen – Sicherheit. Als ob die Lampe mit ihrem zaghaften Licht das Böse von mir fernhalten könnte. Alle Lampen der Welt, so sehr sie auch strahlen, wären nicht in der Lage, sich gegen das Böse zu wehren. So sehr sich meine Nachttischlampe auch bemüht, ihr Licht würde nicht reichen, um meine Gedanken in Helligkeit zu tauchen. Ihr Schein würde nicht reichen, das Böse von mir fernzuhalten. Davon abzuhalten, dass es Nacht für Nacht an mein Bett schleicht. Mich beim Schlafen beobachtet. Doch ich klammere mich an diesen Gedanken wie ein Sterbender an das Leben. Wie ein Betender, der um Gottes Gnade winselt. Jenen Gott, der sich am menschlichen Leid zu ergötzen scheint. So ist das mit uns Menschen und ich stelle keine Ausnahme dar. Je trügerischer die Hoffnung, umso fester und verzweifelter das krampfhafte und verbissene Festkrallen daran.

S. Kerling meets E. A. Poe

Foto: Pixabay

Dialog …

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»Doch wer sagt mir, dass das Unbekannte mir nichts Böses will?«

»Niemand sagt das. Niemand hat das je behauptet.«

»Also will sie mir doch Böses? Will sie mir wehtun?«

»Wer sagt dir, dass nicht das bereits Bekannte selbst genau das ist, was dir längst Böses angetan hat?«

»Niemand sagt das.«

»Nur weil wir das Böse kennen, erkennen wir es nicht unbedingt.«

»Ja, weil es uns bekannt ist; zumindest nicht unbekannt.«

»Ja, weil es uns auf eine perfide Art vertraut ist. Wir dem Schrecklichen einen Namen geben. Was wir aber vergessen, ist, dass das Böse niemals allein auftritt. Dass das Böse sich uns niemals zu erkennen geben würde. Reißen wir ihm auch 100 Masken hinunter. Für jedes abgerissene Trugbild, vermag es uns mit zwei weiteren Kostümierungen zu täuschen.«

»Was ist mit der Hoffnung?«

»Papperlapapp, Hoffnung. Hoffnung ist etwas für Betrogene. Für Gebrandmarkte. Für all jene, die sich aus freien Stücken täuschen lassen, nur um nicht ihrer Wirklichkeit entrissen zu werden.«

»Hoffnung …« wiederhole ich in meinen Gedanken.

»Wie fühlst du dich?«

»So als ob ich sterben würde. Stück für Stück. Ein Teil nach dem anderen. Und ich kann nichts dagegen tut. Absolut nichts.«

S. Kerling meets E. A. Poe

 

Vielleicht würde er ihr eine Geschichte davon erzählen …

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Wie viele Geschichten hätte er ihr erzählen können? Wie viel Hässliches hatte er schon gesehen? Würde er zu ihr halten, sie beschützen vor dem Grauen, das sie quälte? Würde er sie wohlwollend empfangen, wenn sie seinen Schutz suchte? Wenn sie ihr Leben zurückließe? Würde er ihr Sicherheit geben? Alles das, wonach sie sich sehnte? Der Schnee ließ den Wald noch ehrfurchtsvoller erscheinen. Niemand konnte ihm etwas anhaben. Nein, er war so groß und mächtig.

Doch der Schein trog. Der Wald ächzte unter seiner schweren, eisigen Last. Fast schien es, als versuchten die Bäume etwas von dem Gewicht abzuschütteln. Doch der Winter hielt ihn unerbittlich mit seinen Krallen fest. Niemand konnte dieser Urgewalt entkommen. Auch dieser Winter wird Opfer fordern. Sie ließ ihren Blick über die jungen Bäume schweifen. Tapfer trotzten sie dieser eisigen Zeit. Würden sie als Sieger hervorgehen? Würden die Narben, die Schnee und Eis hinterließen, sie noch stärker machen? Viele alte Bäume hatten beschlossen zu sterben, um ihren Nachkommen Platz zu machen. Sie legten sich über ihre Kinder, wie eine warme Decke, die sie behütete.

Noch eine Weile blickte sie durch das Fenster. Fast genoss sie das Schauspiel, den Kampf zwischen Leben und Tod. Würde der Wald ihr geheimes Vorhaben verraten? Sie schüttelte den Kopf. Nein, er war ihr Verbündeter. Es war der Schnee, der ihre Fußabdrücke preisgeben würde. Sie musste noch warten. Bald würde es stärker schneien und ihre Fußspuren unter den tanzenden Schneeflocken verschwinden. Noch immer starrte sie durch das Fenster. Sie hoffte auf ein Zeichen, auf etwas, das ihr die Last der Entscheidung von den Schultern nehmen würde.

Sie lächelte. Es würde nicht mehr lange dauern. Der Schneefall ließ kaum noch etwas von der Landschaft erkennen. Wie lange konnten die Bäume noch so schwer tragen, bis sie unter dem Gewicht der Schneemassen zusammenbrachen? Aber der Wald würde überleben. Es war nicht sein erster Kampf um sein Überleben. Es würde Opfer geben, doch im Frühjahr würde er mit Stolz über die Ebene blicken; seine Ebene.

Vielleicht würde er ihr eine Geschichte davon erzählen. Sie würde von einem Mädchen handeln, das in den Wald flüchtete, barfuß, verfolgt von mittelalterlichen Schergen.

Doch nun war sie es, die laufen würde. Verfolgt von Geistern, die nach ihr riefen.

Sie zog sich ihre Stiefel an. Langsam, um niemanden zu wecken, öffnete sie die Tür. Der Fluss war zugefroren. Das erleichterte ihr Vorhaben. Still und leise verschwand sie im Wald. Eine fast unheimliche Stille umgab sie. Sie erschrak. Sie lauschte. Doch es war nur ein Ast, der unter der großen Schneelast nachgab. Sie lief weiter, weg von dem Haus, weg von dem Leben; diesem Leben. Ihre Tränen verwandelten sich zu eisigen Kristallen. Sie war müde. Nur etwas ausruhen. Sie lehnte sich an einen Baum. Er war überraschend weich und warm. Nicht kalt und hart, wie sie gedacht hatte. Sie glitt zu Boden. Sie lächelte. Der Wald schützte sie, er umgab sie mit Geborgenheit und spendete ihr Wärme. Nur ein wenig die Augen schließen. Der Baum legte schützend seine Arme um sie. „Schlaf, mein Kind, schlaf …“

© by Svea Kerling

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