Schließe Deine Augen …

böse

Ich nehme Platz.

Der Vorhang geht auf.

Es betreten die Bühne die Kinder der Nacht.

Bin gebannt.

Ohnmacht.

Kann mich dem Schauspiel nicht entziehen.

Sie lachen mir ins Gesicht,

zeigen auf mich.

»Schließe Deine Augen, sonst siehst Du uns nicht!«

 

Bild mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin Bianca Maria Samer.

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Kennst Du die Nacht?

Kennst Du die Nacht

mit all ihren Liedern?

Sie dringen an Dein Ohr.

Lausche!

Auf dass es Deine Sinne berausche!

Dieses eine Lied.

Du kennst es bestimmt.

Hast es gehört.

Damals, als Kind.

Hast Dich gefürchtet, Dich versteckt.

Gehofft, dass Dich niemand entdeckt.

Vertraue mir,

hab keine Angst!

Diese Stimmen,

sie gehören zu Dir.

Nein! Nein! Deine Sinne spielen dir ganz sicher einen Streich. Wie sollte es anders sein. Du hast zu wenig geschlafen. Diese Albträume. Sie haben wieder angefangen und jeder weiß, dass einem die Sinne übel mitspielen, wenn man müde ist. Ja, das trifft es. Du bist einfach nicht klar bei Sinnen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

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Pic: Pixabay

Edgar Allan Poe: Alone

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From childhood’s hour I have not been

As others were—I have not seen

As others saw—I could not bring

My passions from a common spring—

From the same source I have not taken

My sorrow—I could not awaken

My heart to joy at the same tone—

And all I lov’d—I lov’d alone—

Then—in my childhood—in the dawn

Of a most stormy life—was drawn

From ev’ry depth of good and ill

The mystery which binds me still—

From the torrent, or the fountain—

From the red cliff of the mountain—

From the sun that ’round me roll’d

In its autumn tint of gold—

From the lightning in the sky

As it pass’d me flying by—

From the thunder, and the storm—

And the cloud that took the form

(When the rest of Heaven was blue)

Of a demon in my view—

E. A. Poe

 

Von Kindheits Stunde war ich nicht
wie and’re war’n, denn meine Sicht
war anders: Ich hab‘ nie gestillt
Gefühl vom Born, der allen quillt.
Und meine Sorgen nahm ich nicht
von ihm. Auch was zum Herzen spricht
kam nicht von ihm: Die Lieben mein,
die liebte ich für mich allein.
Dann – in der Kindheit, am Beginn
des Lebenssturms – kam mein Gewinn
aus allen Tiefen, gut und schlecht,
und dies Geheimnis ward mein Recht:
Von dem Wildbach, von der Quelle,
von des Berges roter Schwelle,
von der Sonn‘, die um mich rollt
in des Herbstes schimmernd‘ Gold,
von der Himmel Blitze Flug,
als er nah die Erde schlug,
von dem Sturm, vom Donner wild
und der Wolke, die das Bild
(ganz allein am Himmelszelt)
zeigt des Dämons meiner Welt.

E. A. Poe

Ich könnte dafür sterben …

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Ich liebe Worte. Ich könnte sterben für schöne Worte.

Musik bewegt mich. Sie bringt mich zum Weinen.

Ich bewundere das Gemälde. Ich gehe auf in seiner Schönheit.

Doch nur das edel geschriebene Wort ist es, das meine Seele berührt.

Das schöne geschriebene Wort ist wichtiger denn je. Das Buch hat seine Wirkung verloren. Wir sind die Letzten einer Epoche. Das ist gut; vereinen alles Gute. Vereinen alles Schlechte.

© Svea Kerling

 

Pic: Pixabay

 

Die Zeit …

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Die Zeit.

Eine Ewigkeit.

Währt einen kurzen Augenblick.

Einen Wimpernschlag?

Und doch Unendlichkeit.

Ein Jahr wie ein Tag,

andermal er nicht enden mag.

Ein Tag mit tausend Stunden,

Qual und Plag, bis er überwunden.

Die Zeit.

Wir sind von ihr besessen.

Und doch haben wir eins vergessen.

Trotz unsrer Bitten; all unsrem Flehen.

Wir können sie nicht halten,

Sie bleibt nicht stehen.

Die Zeit.

Heilt keine Wunden.

Ungebunden und frei.

Sie macht ihr Ding,

alles Weitre einerlei.

Ob wir oben sind oder fallen von der Leiter.

Was kümmert es die Zeit.

 

Fürwahr befreit,

von der Endlichkeit.

 

© Svea Kerling