Erlösung …

 

Sie kannte diesen Blick. Der Blick, wenn man sich dazu entschließt, sein Leben ziehen zu lassen. Es war jener Augenblick, in dem man sich der Ausweglosigkeit bewusst wurde. Dann, wenn man die Aussichtslosigkeit in sich aufnahm. Wenn das Leben dem Tod Platz machte. Wenn es sich bereitwillig und aus freiem Willen zurückzog.
Ein letzter Kampf, ein letztes Aufbäumen, bis man es endlich verinnerlicht hatte. Ein letzter quälender Atemzug, nur um dann endlich loszulassen. Das Leben freizulassen und ihn willkommen zu heißen. Ihn, nach dem sich zu diesem Zeitpunkt alles in einem gequälten Körper sehnte: Den Tod. Der Tod wollte nur eines: Jene erlösen, die nach ihm riefen und ihn darum baten, sie von den Schmerzen zu befreien. Er kam als das, was er war. Als ein treuer Gefährte. Als eine Erlösung. Das Ende war immer gleich. Es waren nur Nuancen, die sich voneinander unterschieden. Ein bisschen höher, bisschen länger, klein wenig kürzer. Lauter, leiser. Doch nie war der Weg zur Erlösung auch nur um eine Spur gnädiger.

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Die Welle …

… und sie alle schwammen zur vermeintlich Rettung verheißenden Küste. Schwammen um ihr Leben. Kämpften um ihr Leben. Doch ich war wie gelähmt. Konnte nicht. Wollte nicht. War zu weit entfernt.  Doch es tat nichts zur Sache. Ich wusste es. Nichts würde ihr Leben retten.  Mein Leben.  Wozu dieses ganze Ringen. Ringen um Luft. Um etwas, das sich mir  mit allem Sein widersetzte.

Die Welle. Sie ließ mich ahnen. Ich spürte wie sie näher kam.

Ein kleiner Felsvorsprung. Rutschig. Im selben Moment als ich danach griff, kam mir allein der Versuch schwachsinnig vor. Dachte ich wirklich hier Halt finden zu können? Das lächerliche Klammern war nur eine eingebrannte instinktive Reaktion.

Dieser Lärm. Ein schier unfassbares Dröhnen. Mein Körper wurde nach hinten gezogen, nur um anschließend nach oben gesaugt  zu werden. Immer höher. Und dann … die Welle ließ von mir ab. Machte Platz für ihre Gefährten. Mit voller Wucht begruben sie mich unter sich.

Stille. Ganz leise. Warum wehrte ich mich nicht? Warum nicht versuchen? Ein Versuch, nichts mehr als ein klägliches Scheitern. Das Wasser drang in meinen Körper. Ich atmete tief ein. Kein trügerischer Instinkt mehr. Beinahe gierig trank ich das Wasser. Der anfängliche Schmerz erlosch.

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Seele

Mein lieber Freund, sei mir nicht gram …

 

Mein lieber Freund,

die Zeit meint es nunmehr gut mit mir. Sie erweist sich mir gegenüber als gnädig, so dass ich hier und jetzt meinem Versäumnis nachkomme und folgende Worte an Dich richte:

Zum wiederholten Male möchte ich mit meinigen Worten zum Ausdruck bringen, wie sehr es mich mit Ehre erfüllt, als ein Teil Deines Seins zu leben. Und dennoch, es stürzt  mich in tiefste Trauer, dass Du hierfür in den Abgrund meiner Seele blicken musstest. Und Du tatest dies aus freien Stücken. Ich bin fürwahr nicht in der Lage, mir auch nur auszumalen, welche Monster Du erblicktest und welchen Abscheulichkeiten du Dich zu stellen wagtest. Und dennoch, Du reichtest ihnen die Hand; Du versprachst ihnen ein neues Zuhause.

Nun, mein lieber FreundDu fragtest nach meinem werten Befinden. Es ist nichts an Wert daran. Weder an meinem Befinden noch an mir. Doch wage ich das Eingeständnis und möchte Dir berichten. Über etwas Neues. Etwas nie Dagewesenes. In mir ist etwas Neues. Etwas wurde in meinen Körper hineingeboren. Etwas, das nie hätte geboren werden dürfen. Etwas Unerbittliches in seiner Art. Etwas, das keine Gnade kennt. Es fügt mir Leid zu. Alles in mir formt sich zu einem Aufschrei. Meine Knochen schmerzen. Meine Augen so trüb, dass allein die Dunkelheit es ist, die mich vor Blindheit schützt. Mein Körper verhöhnt mich. Er ächzt immerzu, wenn ich meinen gequälten Körper ruhen möchte. Allein die unsägliche Müdigkeit hält davon mich ab, vor mir selbst zu flüchten.

Das Wachsein ist eine Düsternis und noch größer die Qual, die mir in meinen Träumen widerfährt. Könnte sich mein Inneres in ein Äußeres verkehren, so glaube ich, wäre es dies, was ich erdulde.

Mein lieber Freund, so wandre ich allein zwischen den Tälern Hoffnung und Lüge. Ich klammere mich an das, was allgemein gerne als Leben benannt und doch mit dem Wunsch endlich diesem entsagen zu können. Meine Einsamkeit erträgt das Alleinige nicht mehr.

So bitte ich Dich nun, Du als Freund, sei mir nicht gram und sei mir auch ein Freund in dieser Stunde meiner Angst. Diese Stunde ist alles, was von mir bleibt.

In ewiger Dankbarkeit.

 

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Der Abgrund …

Mitleid? Nein. Es amüsierte ihn. Er amüsierte sich sogar königlich dabei, der Vernichtung dieser allesamt jämmerlichen Kreaturen beizuwohnen. Nicht das Leben war ein Spiel, er lachte in sich hinein.

»Ihr irrt meine Freunde. Der Tod ist es, der mit euch spielt und wir wissen alle, wer nicht verlieren kann. Niemals. Es ist wider sein Sein.«

Sie waren nur Spielfiguren, ausgesetzt dem Tauziehen zwischen Leben und Tod. Der Abgrund lag nicht vor ihnen. Nie. Sie hatten ihn längst hinter sich gelassen. Sie fielen.

So fixiert waren sie auf diesem kleinen zerbrechlichen Ast, den sie Hoffnung nannten. Und während sie danach griffen, bemerkten sie nicht, dass sie längst schon jeglichen Halt verloren hatten. Das, woran sie sich klammerten, war nichts mehr als ein Trugbild. Eine Fata Morgana der Seele. Menschen, diese verstümmelten Geschöpfe der Schöpfung, die sich in ihrer Wirklichkeit suhlten. Es war ihnen nichts mehr vorbestimmt, als …

© Svea Kerling (aus „Die Equipe“)

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Seelenlos

Ihre leicht gebückte Haltung verriet ihm, dass sie eine schwere Last zu tragen hatte. Es war eine dieser Lasten, die man gut vor den Blicken anderer verbergen konnte. Eine dieser Lasten, die stets unsichtbar war vor den Augen anderer. Gut versteckt im hintersten Winkel der Seele. Nur für einen kurzen Augenblick bekam er die Möglichkeit, in ihre Augen zu sehen. Es waren traurige Augen. Augen, in denen der Glaube an jedwede Hoffnung längst gestorben war. Augen, die mit aller Kraft die leidende Seele zu verstecken versuchten. Augen, die ein Geheimnis hüteten.

Er bedankte sich für die wunderbare Arbeit und beglich die Unkosten. Bevor er durch die Tür verschwand, blieb er stehen, um sie im väterlichen Ton dazu zu ermahnen, doch die Tür fest hinter ihm abzuschließen.

Er wusste, die Straßen zeigten sich seelenlos, doch wie so oft war es nur der Schein, der Sicherheit vorgaukelte. Er verriet nichts von den Anderen. Die Anderen, die auf der Jagd waren. Auf der Jagd nach ihnen und ihren Seelen. Nein, sie kamen nicht durch die Tür oder durch das offengelassene Fenster. Sie kamen mit dem Wind. Unscheinbar, unbemerkt in der Tarnung einer kurz aufflackernden Ahnung. … Leseprobe Ende

©  SveaKerling

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Nichts.

Dieses Fenster zum Hof. Ein kleines verdrecktes Fenster. Ein kleiner verdreckter Hof. Passt gut zu mir. Zu meinem Leben. Ein kleines verdrecktes Leben.

Mein Fenster zum Hof. Nicht mehr als ein kleines unscheinbares Etwas aus Glas; lieblos eingerahmt.

Nicht mehr als ein vermeintlicher Lichtblick.

Nicht mehr als ein billiger Trick.

Nicht mehr als ein armseliger Versuch, Helligkeit in dieses dunkle Zimmer zu bringen.

Vergeblich.

Gescheitert, allein schon der Versuch. Ich sehe mich um und erblicke nichts.

Nichts, dass von Wert wäre.

Nichts, dass es wert wäre, in Licht getaucht zu werden. Ich sehe nichts.

Nichts, dass das Licht in sich aufnehmen würde.

Nichts, dass auch nur die Absicht hätte, einen lichten Funken auf mich zu werfen.

Ich sehe nichts, dass meiner Hoffnung neue Nahrung bieten könnte.

Da war rein gar nichts. Nichts um mich. Nichts in mir. Kein Leben. Keine Seele. Nichts. Ich war leer. Erschöpft. Ausgelaugt. Mein Körper war nichts mehr als eine Hülle. Aufrecht erhalten nur aus Trotz. Nur aus falschem Stolz, nicht auf die staubige Erde zu fallen. ›Staub zu Staub‹, klingt es in meinen Ohren.  Würde ich fallen, wäre es für immer. Diesmal. Ich würde den Aufprall nicht spüren. Ich würde verschmelzen mit dem Boden. Eins werden mit dem Staub. Selbst zu Staub werden. Und irgendwann …

© Svea Kerling

Seele

S. Kerling meets E. A. Poe – Buchtrailer I

 

Ich weiß es. Kein Zweifel. Ich spüre es. Das Monster. Es ist hinter mir. Ganz nah. Sein modriger Gestank dringt in meine Nase und füllt meine Lunge mit fauligem Atem. Ekel steigt in mir empor; nimmt Besitz von meinem ganzen Körper. Ich möchte raus. Raus aus mir. Raus aus meinem Körper. Nicht mehr gegen das Unvermeidliche ankämpfen. Es wäre ein Leichtes, stehen zu bleiben ….

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