Mein lieber Freund, sei mir nicht gram …

 

Mein lieber Freund,

die Zeit meint es nunmehr gut mit mir. Sie erweist sich mir gegenüber als gnädig, so dass ich hier und jetzt meinem Versäumnis nachkomme und folgende Worte an Dich richte:

Zum wiederholten Male möchte ich mit meinigen Worten zum Ausdruck bringen, wie sehr es mich mit Ehre erfüllt, als ein Teil Deines Seins zu leben. Und dennoch, es stürzt  mich in tiefste Trauer, dass Du hierfür in den Abgrund meiner Seele blicken musstest. Und Du tatest dies aus freien Stücken. Ich bin fürwahr nicht in der Lage, mir auch nur auszumalen, welche Monster Du erblicktest und welchen Abscheulichkeiten du Dich zu stellen wagtest. Und dennoch, Du reichtest ihnen die Hand; Du versprachst ihnen ein neues Zuhause.

Nun, mein lieber FreundDu fragtest nach meinem werten Befinden. Es ist nichts an Wert daran. Weder an meinem Befinden noch an mir. Doch wage ich das Eingeständnis und möchte Dir berichten. Über etwas Neues. Etwas nie Dagewesenes. In mir ist etwas Neues. Etwas wurde in meinen Körper hineingeboren. Etwas, das nie hätte geboren werden dürfen. Etwas Unerbittliches in seiner Art. Etwas, das keine Gnade kennt. Es fügt mir Leid zu. Alles in mir formt sich zu einem Aufschrei. Meine Knochen schmerzen. Meine Augen so trüb, dass allein die Dunkelheit es ist, die mich vor Blindheit schützt. Mein Körper verhöhnt mich. Er ächzt immerzu, wenn ich meinen gequälten Körper ruhen möchte. Allein die unsägliche Müdigkeit hält davon mich ab, vor mir selbst zu flüchten.

Das Wachsein ist eine Düsternis und noch größer die Qual, die mir in meinen Träumen widerfährt. Könnte sich mein Inneres in ein Äußeres verkehren, so glaube ich, wäre es dies, was ich erdulde.

Mein lieber Freund, so wandre ich allein zwischen den Tälern Hoffnung und Lüge. Ich klammere mich an das, was allgemein gerne als Leben benannt und doch mit dem Wunsch endlich diesem entsagen zu können. Meine Einsamkeit erträgt das Alleinige nicht mehr.

So bitte ich Dich nun, Du als Freund, sei mir nicht gram und sei mir auch ein Freund in dieser Stunde meiner Angst. Diese Stunde ist alles, was von mir bleibt.

In ewiger Dankbarkeit.

 

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Das Gesicht des Todes …

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Es waren nur Spielfiguren, ausgesetzt dem Tauziehen zwischen Leben und Tod. Der Abgrund lag nicht vor ihnen.  Sie hatten ihn längst hinter sich gelassen. Sie fielen längst und nie bemerkten sie den harten Aufprall. So fixiert waren sie auf diesen kleinen zerbrechlichen Ast, den sie Hoffnung nannten. Und während sie danach griffen, bemerkten sie nicht, dass sie längst schon jeglichen Halt verloren hatten. Das, woran sie sich klammerten, war nichts mehr als ein Trugbild. Eine Fata Morgana der Seele. Menschen, diese verstümmelten Geschöpfe der Schöpfung, die sich in ihrer Wirklichkeit suhlten. Es war ihnen nichts mehr vorbestimmt, als ihre Wahrheiten zu leben. Ihre Wahrheit, die sie für unumstößlich hielten. Dass sie selbst es war, die schlussendlich den verheerenden Stoß versetzte, das kam ihnen nicht in den Sinn.

Der Stoß in den Abgrund. Der Todesstoß.

Nur dann konnten sie ihr Sein erfahren. Sie forderten ihn heraus. Ihn. Mit jeder Faser ihres banalen Daseins. Jedem Atemzug. Es war zutiefst lächerlich. So sehr sie um jeden Atemzug kämpften, fehlte es ihnen an der Begrifflichkeit. Jeder weitere Atemzug war es doch, der sie ihrer schlussendlichen Bestimmung näherbrachte. Wie dumm sie doch waren. Diese Krönung der Evolution. Was wollten sie beweisen? Wie wollen sie es beweisen? Mit abgefrorenen Fingern, abgetrennten Gliedmaßen? Mit gebrochenen Knochen? Blut?

»Ihr Schwachköpfe! Was wollt ihr beweisen und vor allem wem? Euch selbst? Was? Wem? Dass ihr dem Tod ins Gesicht sehen müsst, um eure eigene Existenz rechtfertigen zu können? Müsst ihr ihm in seine Augen blicken, um zu begreifen? Endlich zu begreifen? Endlich zu sehen?«

Ohne sich dessen bewusst zu sein, dass sein Gesicht das letzte sein wird, was sie sehen: Das Gesicht des Todes.

©Svea Kerling

Foto: pixaby

Er sah ihnen den Schmerz an …

Er sah ihnen den Schmerz an. Ihre zu eisigen Masken gefrorenen Gesichter. Ihre ausgemergelten Körper, angetrieben aus Angst, den Mut nicht zu verlieren.

Ihre Augen; sie bemühten sich, ihre leeren Höhlen zu verbergen. Sie würden am liebsten hineinkriechen wollen. Nichts mehr sehen wollen. Hinein jenes das Nichts zu sehen, das vor ihnen lag.

Es war ihm ein Rätsel. Immer schon gewesen. Daran würde sich nichts ändern. Stolz und Tatendrang waren es, die ihren Opfern alles abverlangten. Vollkommene Befriedigung war es, die sie forderten. Von Woche zu Woche. Von Tag zu Tag. Von Stunde zu Stunde. Von Minute zu Minute. Von Moment zu Moment. Bis …

Bis zu jenem Augenblick, der ihr letzter sein würde. Dieser Augenblick, den sie mit genau dem bezahlten, was ihnen so lieb und teuer war: Ihrem Leben. Sie alle wollten das Leben auskosten. Ein Stück davon kosten, ohne nur einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, dass dieses Stück genau danach schmeckte, was es schlussendlich auch war: Nach Tod. Es war der Tod selbst, der ihnen mundete.

Mitleid? Nein. Es amüsierte ihn. Er amüsierte sich sogar königlich dabei, der Vernichtung dieser allesamt jämmerlichen Kreaturen beizuwohnen. Nicht das Leben war ein Spiel, er lachte in sich hinein.

»Ihr irrt meine Freunde. Der Tod ist es, der mit euch spielt und wir wissen alle, wer nicht verlieren kann. Niemals. Es ist wider sein Sein.«

©Svea Kerling 

Sie sind es …

 

Bis zu jenem Moment hattest du keine Ahnung. Bis zu jenem Abend; der Vorhang im Wohnzimmer hatte sich bewegt …

Sie wollen doch nur spielen … (S. Kerling meets E. A. Poe)

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Bis zu jenem Moment hattest du keine Ahnung. Bis zu jenem Abend; der Vorhang im Wohnzimmer hatte sich bewegt. Bis zu jenem Zeitpunkt wusstest du nichts. Nichts von ihrer Existenz. Nichts von ihrem Wesen. Nein, es war nicht der Wind, kein Luftzug oder gar deine Katze. Deine Katze war schon längst gestorben. Erinnere dich an den Tag ihres Verschwindens. Weißt du noch, wie traurig du warst? Erinnere dich an die vielen vergossenen Tränen. Noch heute stellst du jeden Morgen warme Milch vor die Tür. Tag für Tag.

 

Ich könnte dafür sterben …

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Ich liebe Worte. Ich könnte sterben für schöne Worte.

Musik bewegt mich. Sie bringt mich zum Weinen.

Ich bewundere das Gemälde. Ich gehe auf in seiner Schönheit.

Doch nur das edel geschriebene Wort ist es, das meine Seele berührt.

Das schöne geschriebene Wort ist wichtiger denn je. Das Buch hat seine Wirkung verloren. Wir sind die Letzten einer Epoche. Das ist gut; vereinen alles Gute. Vereinen alles Schlechte.

© Svea Kerling

 

Pic: Pixabay

 

Gedanken an der Decke

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Kennst Du das Gefühl?

Dieses bestimmte Gefühl, wenn Du um 4 Uhr Morgens die Augen aufschlägst, gegen die Decke starrst und überlegst.

Du überlegst, warum in Gottes Namen Du jetzt wach liegst und warum in Gottes Namen Du nicht weiterschlafen kannst.

Du bist müde, drehst Dich zur Seite. Du versuchst Deinen Atmen zu beruhigen. Dich zu beruhigen. Es gelingt Dir nicht. Du hörst Dein Herz schlagen. Du hörst Dein Blut rauschen. Es ist hier einfach zu laut.

Du wälzt Dich so lange im Bett bist Du wieder am Rücken liegst. So lange bis Du wieder die Decke anstarrst. Dein Körper ist noch müde. Dein Geist jedoch beginnt aufzuwachen. Verräter!

Du versuchst Deine Gedanken zu lesen. Sie von der Decke zu kratzen. Du bist dabei, sie zu ordnen. Ihnen Form zu geben. Sie nehmen Gestalt an. Werden mächtiger. Ergreifen von Dir Besitz.

Wehren? Wogegen? Gegen das, was Dir vorbestimmt ist? Sei nicht lächerlich! Was willst Du tun? Was musst Du tun? Es ist ganz leicht.

Plötzlich ist jede Schwere aus Deinen Gliedern verschwunden. Du fängst alle Gedanken auf. Einen Gedanken nach dem anderen.

Du schreibst sie nieder. Du musst sie nur richtig lesen, sie begreifen. Sie erzählen Dir ihre Geschichte. Und Du? Du bist das Werkzeug. Nicht mehr.

 

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