Das Monster …

 

Ich weiß es. Kein Zweifel. Ich spüre es. Das Monster. Es ist hinter mir. Ganz nah. Sein modriger Gestank dringt in meine Nase und füllt meine Lunge mit fauligem Atem. Ekel steigt in mir empor; nimmt Besitz von meinem ganzen Körper. Ich möchte raus. Raus aus mir. Raus aus meinem Körper. …

© Svea Kerling

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Das Leben – so scheint es – ist eine üble Sache. (Die Equipe – der letzte Sitzkreis)

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Keiner da; ich stehe mitten im Raum. Ein Raum, nicht groß, nicht klein. Hell. In seiner Mitte Stühle mit blauen Sitzauflagen, eine davon wirkt bereits stark abgenützt.

Ich sehe ihn vor mir sitzen. Er sitzt immer dort; den Block auf seinem Schoß, sein Blick oft leer. Hoffend. Resignierend. Das Leben – so scheint es – ist eine üble Sache. Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, darüber nachzudenken. Ich muss schmunzeln, richte meinen Hut, schiebe den Stuhl zurecht und nehme Platz. Es macht keinen Unterschied, ob ich sitze oder stehe …

© 2017 Svea Kerling (Die Equipe – der letzte Sitzkreis)

Mein Freund, sei mir nicht gram …

Mein lieber Freund,

die Zeit meint es nunmehr gut mit mir. Sie erweist sich mir gegenüber als gnädig, so dass ich hier und jetzt meinem Versäumnis nachkomme und folgende Worte an Dich richte.

Zum wiederholten Male möchte ich mit meinigen Worten zum Ausdruck bringen, wie sehr es mich mit Ehre erfüllt, als ein Teil Deines Seins zu leben. Und dennoch, es stürzt  mich in tiefste Trauer, dass Du hierfür in den Abgrund meiner Seele blicken musstest. Aus freien Stücken. Ich bin fürwahr nicht in der Lage, mir auch nur auszumalen, welche Monster Du erblicktest und welchen Abscheulichkeiten du Dich zu stellen wagtest. Und dennoch, Du reichtest ihnen die Hand und versprachst ihnen ein neues Zuhause.

Nun, mein lieber Freund, Du fragtest nach meinem werten Befinden. Es ist nichts an Wert daran. Weder an meinem Befinden noch an mir. Doch wage ich das Eingeständnis und möchte Dir berichten. Über etwas Neues. Etwas nie Dagewesenes. In mir ist etwas Neues. Etwas wurde in meinen Körper hineingeboren. Etwas, das nie hätte geboren werden dürfen. Etwas Unerbittliches in seiner Art. Etwas, das keine Gnade kennt. Es fügt mir Schmerz zu. Alles in mir formt sich zu einem Aufschrei. Meine Knochen schmerzen. Meine Augen so trüb, dass allein die Dunkelheit es ist, die mich vor Blindheit schützt. Meine Zähne verhöhnen mich immerzu, wenn ich mit einem alten Laib Brot meinen zerschundenen Körper nähren möchte. Allein die unsägliche Müdigkeit hält davon mich ab, vor mir selbst zu flüchten.

Das Wachsein ist eine Qual und noch größer der Pein, der mir in meinen Träumen widerfährt. Könnte sich mein Inneres in ein Äußeres verkehren, so glaube ich, wäre es dies, was mir widerfährt.

Mein lieber Freund, so wandre ich allein zwischen den Tälern Hoffnung und Lüge. Ich klammere mich an das, was allgemein gerne als Leben benannt und doch mit dem Wunsch endlich diesem entsagen zu können. Meine Einsamkeit erträgt das Alleinige nicht mehr.

So bitte ich Dich nun, du als Freund, sei mir nicht gram und sei mir auch ein Freund in dieser Stunde meiner Angst. Diese Stunde ist alles, was von mir bleibt.

In ewiger Dankbarkeit.

 

© Svea Kerling

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Es war bloß das Leben …

Sie wussten nichts davon. Wie es war. Was es war. Was war dieses Leben? Sie konnten sich nicht mehr daran erinnern. Jede vage Ahnung daran war verblasst. Nichts war geblieben. Wissen, verschwunden in der Ewigkeit. Allein der Umstand, dass das Leben ihnen fremd war, gab ihnen Grund, es zu verteufeln, zu jagen und zu vernichten. Es war nichts weiter als Angst vor dem, wofür andere bereit waren zu sterben. Angst vor dem Leben. Und so mordeten und schlachteten sie weiter. Metzelten diejenigen nieder, die hier nach Zuflucht suchten. Diejenigen, die nur aus einem Grund kämpften: Um zu überleben. Die Sünde, die ihren Opfern vorgeworfen wurde und wofür sie gehängt wurden, war das Leben.

Leseprobe aus S. Kerling meets E. A. Poe

 

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Der Weg …

»Es ist das Leben, das geht. Es ist nicht der Tod, der kommt. Der Tod holt sich kein Leben. Der Tod fängt das Leben auf. Er gibt den Seelen ein Zuhause. Keine Seele muss durch leere Straßen und Gassen herumirren. Das Warten auf das Licht ist vergebens, denn es wird nie kommen. Das Licht meidet die Dunkelheit.«

»Ist es denn das Leben selbst, das die Trauernden bestraft?«

»Tja, mein Kind. Es ist so eine Sache mit dem Leben und mit dem Tod. Wo ist die Brücke, die diese zwei Welten verbindet? Wer kann sie beschreiten? Der Lebende hier, der Tote dort. Der Weg allen Sterbens. Wohin führt er?«

»Sind wir nicht alle Lebende und Sterbende zugleich?«

» … «

 

 

Vielleicht würde er ihr eine Geschichte davon erzählen …

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Wie viele Geschichten hätte er ihr erzählen können? Wie viel Hässliches hatte er schon gesehen? Würde er zu ihr halten, sie beschützen vor dem Grauen, das sie quälte? Würde er sie wohlwollend empfangen, wenn sie seinen Schutz suchte? Wenn sie ihr Leben zurückließe? Würde er ihr Sicherheit geben? Alles das, wonach sie sich sehnte? Der Schnee ließ den Wald noch ehrfurchtsvoller erscheinen. Niemand konnte ihm etwas anhaben. Nein, er war so groß und mächtig.

Doch der Schein trog. Der Wald ächzte unter seiner schweren, eisigen Last. Fast schien es, als versuchten die Bäume etwas von dem Gewicht abzuschütteln. Doch der Winter hielt ihn unerbittlich mit seinen Krallen fest. Niemand konnte dieser Urgewalt entkommen. Auch dieser Winter wird Opfer fordern. Sie ließ ihren Blick über die jungen Bäume schweifen. Tapfer trotzten sie dieser eisigen Zeit. Würden sie als Sieger hervorgehen? Würden die Narben, die Schnee und Eis hinterließen, sie noch stärker machen? Viele alte Bäume hatten beschlossen zu sterben, um ihren Nachkommen Platz zu machen. Sie legten sich über ihre Kinder, wie eine warme Decke, die sie behütete.

Noch eine Weile blickte sie durch das Fenster. Fast genoss sie das Schauspiel, den Kampf zwischen Leben und Tod. Würde der Wald ihr geheimes Vorhaben verraten? Sie schüttelte den Kopf. Nein, er war ihr Verbündeter. Es war der Schnee, der ihre Fußabdrücke preisgeben würde. Sie musste noch warten. Bald würde es stärker schneien und ihre Fußspuren unter den tanzenden Schneeflocken verschwinden. Noch immer starrte sie durch das Fenster. Sie hoffte auf ein Zeichen, auf etwas, das ihr die Last der Entscheidung von den Schultern nehmen würde.

Sie lächelte. Es würde nicht mehr lange dauern. Der Schneefall ließ kaum noch etwas von der Landschaft erkennen. Wie lange konnten die Bäume noch so schwer tragen, bis sie unter dem Gewicht der Schneemassen zusammenbrachen? Aber der Wald würde überleben. Es war nicht sein erster Kampf um sein Überleben. Es würde Opfer geben, doch im Frühjahr würde er mit Stolz über die Ebene blicken; seine Ebene.

Vielleicht würde er ihr eine Geschichte davon erzählen. Sie würde von einem Mädchen handeln, das in den Wald flüchtete, barfuß, verfolgt von mittelalterlichen Schergen.

Doch nun war sie es, die laufen würde. Verfolgt von Geistern, die nach ihr riefen.

Sie zog sich ihre Stiefel an. Langsam, um niemanden zu wecken, öffnete sie die Tür. Der Fluss war zugefroren. Das erleichterte ihr Vorhaben. Still und leise verschwand sie im Wald. Eine fast unheimliche Stille umgab sie. Sie erschrak. Sie lauschte. Doch es war nur ein Ast, der unter der großen Schneelast nachgab. Sie lief weiter, weg von dem Haus, weg von dem Leben; diesem Leben. Ihre Tränen verwandelten sich zu eisigen Kristallen. Sie war müde. Nur etwas ausruhen. Sie lehnte sich an einen Baum. Er war überraschend weich und warm. Nicht kalt und hart, wie sie gedacht hatte. Sie glitt zu Boden. Sie lächelte. Der Wald schützte sie, er umgab sie mit Geborgenheit und spendete ihr Wärme. Nur ein wenig die Augen schließen. Der Baum legte schützend seine Arme um sie. „Schlaf, mein Kind, schlaf …“

© by Svea Kerling

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Ich könnte dafür sterben …

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Ich liebe Worte. Ich könnte sterben für schöne Worte.

Musik bewegt mich. Sie bringt mich zum Weinen.

Ich bewundere das Gemälde. Ich gehe auf in seiner Schönheit.

Doch nur das edel geschriebene Wort ist es, das meine Seele berührt.

Das schöne geschriebene Wort ist wichtiger denn je. Das Buch hat seine Wirkung verloren. Wir sind die Letzten einer Epoche. Das ist gut; vereinen alles Gute. Vereinen alles Schlechte.

© Svea Kerling

 

Pic: Pixabay