S. Kerling meets E. A. Poe – Buchtrailer I

 

Ich weiß es. Kein Zweifel. Ich spüre es. Das Monster. Es ist hinter mir. Ganz nah. Sein modriger Gestank dringt in meine Nase und füllt meine Lunge mit fauligem Atem. Ekel steigt in mir empor; nimmt Besitz von meinem ganzen Körper. Ich möchte raus. Raus aus mir. Raus aus meinem Körper. Nicht mehr gegen das Unvermeidliche ankämpfen. Es wäre ein Leichtes, stehen zu bleiben ….

Meine Bücher

 

 

Traurige Augen …

gothic-1629448_1280 (1).jpgIhre leicht gebückte Haltung verriet ihm, dass sie eine schwere Last zu tragen hatte. Es war eine dieser Lasten, die man gut vor den Blicken anderer verbergen konnte. Eine dieser Lasten, die stets unsichtbar war vor den Augen anderer. Gut versteckt im hintersten Winkel der Seele.

Nur einmal hatte er die Chance wahrgenommen, in ihre Augen zu blicken. Es waren traurige Augen. Augen, in denen der Glaube an jedwede Hoffnung längst gestorben war. Augen, die mit aller Kraft die leidende Seele zu verstecken versuchten. Augen, die ein Geheimnis hüteten.

S. Kerling meets E. A. Poe

 

Foto: Pixaby

Horizont

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… doch sie blieb ruhig. Ihr Auto kannte das Ziel. Sie beide kannten es. Es würde sie beide dorthin bringen. Zum Horizont.

Wärme. Wohlige, heimelige Wärme. So musste sich ein gemütlicher Winterabend vor einem Kamin anfühlen. Sie war endlich daheim. Sie fühlte sich geborgen. Endlich. Beschützt. Endlich.

»JETZT!«

Hanna öffnete ihre Augen. Sie starrte auf ihre Hände. Blut. Blut an ihren Händen. Scherben hatten sich in ihre Hände gebohrt. Grelles, glühendes Licht biss in ihren Augen. Es tat so weh. Der Sternenstaub. Wo war er bloß geblieben?

Der Fahrer drehte das Radio lauter: »… die Straße ist gesperrt. Sie werden örtlich von der Polizei umgeleitet. Bitte fahren Sie vorsichtig!«

»Schau, die Rettung und da, noch ein Feuerwehrauto!«

Seine Beifahrerin nickte: »Ja, es muss etwas Schreckliches passiert sein.«

De Wagen der jungen Frau überschlug sich und landete im Graben. Der Feuermann wich einen Schritt zurück. Längst hatten die Flammen das ganze Auto verschlungen.

 

© Svea Kerling

 

 

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Weine nicht …

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Alles Leben mir entwichen.

Der Endlichkeit des Seins entronnen.

Ein  Zustand;

dem Sein unbekannt.

Ein tiefer Schmerz in deiner Seele.

Weine nicht …

 

 

https://pixabay.com/de/grab-grabmal-friedhof-grabstein-1229137/

 

Die liebe Familie, Freunde und andere Katastrophen

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… und bevor ich es vergesse:

Wir fallen tief und stehen doch wieder auf. Wir zerren uns an den eigenen Haaren aus dem Sumpf. Wir sind es gewohnt, allein zu gehen. Es wird nie jemand verstehen. Nicht bevor er selbst ein Teil unserer abnormalen Welt wird. Die Menschen, die uns am lautesten mit Sprüchen zutexten, sind es, die uns nie ihre Hand reichen würden, wenn wir fallen. Denn sie merken es nicht. Sie wollen es gar nicht wissen.

„Es wird nie so heiß gegessen wie gekocht.“

„Nach jedem Regen folgt Sonnenschein.“

„Du schaffst das schon, du bist stark.“

„Anderen geht es noch viel schlimmer.“

„Schau endlich, dass du deinen Arsch hochbekommst.“

„Stell dich nicht so an.“

„Du bist nur faul.“

„Du bist nur egoistisch.“

„Du denkst nicht an andere.“

„Reiß dich endlich zusammen.“

 

Kapisch? 😉

 

 

 

Nachtruhe

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Ich konzentriere mich auf meinen Atem; versuche so, die Anspannung aus mir zu verbannen; mich zu beruhigen. Ruhig mein Herz, schlage still.

Ich mag es sehr. Ich mag es, wenn die Stille einkehrt in der Klinik. Niemand schleicht mehr durch die Gänge. Keine verstohlenen Blicke, kein unmotiviertes Grinsen und kein beschämendes „Hallo“. Kein Heucheln von Freude und guter Laune. Es ist einfach still. So, wie ich es liebe. Wenn die Nacht endlich ihren schützenden Schleier ausbreitet und man die Geister nur mehr schemenhaft erblickt. Dann, wenn der Wahnsinn schläft. Dann, wenn die Furcht vor der Nacht andere erschaudern lässt. Ja, dann fühle ich mich geborgen.

Die Tür wird leise geöffnet. Das schwache Licht einer Taschenlampe tastet meine Umrisse ab. Ich bin nicht weggelaufen, ich bin noch da. Mehr braucht es nicht.

Die Schwester schließt die Tür. Ich bin wieder allein. Ich höre mein Herz. Es pumpt das Blut durch meine Adern. Was wäre, wenn es plötzlich stehen bliebe? Ich schüttle den Gedanken ab, halte inne. Irgendjemand ruft meinen Namen. Ich zweifle für einen Moment, lausche gespannt. Ja, unverkennbar. Jemand ruft nach mir. Und diesmal war es nicht die Stimme in meinem Kopf. Ich schlüpfe in meine Hausschuhe und gehe langsam zur Zimmertür. Sie ist verschlossen. Kann mich nicht daran erinnern, das Drehen eines Schlüssels im Schloss gehört zu haben. Ich versuche es nochmals. Es wundert mich nicht, dass sich die Tür nunmehr ganz leicht öffnen lässt. Der Schlüssel steckte außen im Schloss. Ich verwerfe alle Gedanken an mögliche Erklärungen. Ich weiß, ich werde keine finden. Nicht jetzt. Ich blicke in den Flur. Meine Blicke tasten die Wände ab. Die flackernden Halogenlampen lassen den Gang unheimlich wirken. Ich bilde mir ein, schleppende Schritte zu hören. Doch es ist nichts zu sehen. Es ist nur die Anspannung, die mit meinen Nerven spielt. Fantasie und Realität kämpfen erneut um die Vorherrschaft. Das flackernde Licht stört mich. Noch nie habe ich dieses Tor zwischen den Welten gemocht. Vorsichtig schleiche ich den Gang entlang; ein paar Türen weiter. Ich bin mir sicher, wieder meinen Namen zu hören. Ich kenne diese Stimme. Meine Neugier versetzt mir einen Stoß und ich greife nach der goldfarbenen Türklinke. …

 

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Warum starrt ihr so?

bianca3Was sind das für Menschen auf der anderen Seite? Warum starren sie mich an? Warum lachen sie mich aus? Warum haben sie so hässliche Fratzen? Sie kommen mir bekannt vor. Ja, ich kenne sie, doch ich kann mich nicht erinnern. Sie zeigen auf mich. Sie lachen, sie tuscheln. Ich lehne mit dem Rücken an der Wand. Ich schnappe nach Luft, mein Puls rast. Ich kann meinen lauten Herzschlag hören. Vielleicht lachen sie deshalb. Ist mein Herz zu laut? Atme ich zu laut? Ich sehe schwarze Haarsträhnen am Boden und greife erschrocken auf meinen Kopf. Meine Haare, sie sind kurz. Erst jetzt bemerke ich die Schere in meinen Händen. Warum und wann habe ich mein Haar abgeschnitten? Die Schere fällt in Zeitlupe auf den Boden. Ich sehe ihr nach wie sie durch den Boden hindurch fällt. Sie ist einfach weg. Warum macht sich der Boden nicht auf und verschlingt mich? Bitte! Jetzt! Ich fahre mit beiden Händen durch mein kurzes Haar. Es ist ungleichmäßig und fransig geschnitten. Ich fühle eine kahle Stelle am Hinterkopf. Jetzt dämmert es mir. Darum lachen sie. Ich muss lächerlich aussehen; peinlich. Ihr Gelächter wird lauter. Ich halte mir die Ohren zu, doch ich kann sie noch immer hören. Ich stemme mich gegen die Wand. Ein Schatten kommt auf mich zu. Die Meute wartet gespannt. Der Schatten ist groß und wirkt bedrohlich. Er kommt immer näher, wird größer und größer. Ich strenge mich an, um zu erkennen. Es ist ein Stein. Nein, mehr ein großer Fels. Wie kann sich so etwas Schweres bloß so leicht bewegen? Und genau das kommt auf mich zu. Ich erstarre, kann nicht ausweichen. Ich habe keine Kontrolle über meinen Körper. Meine Beine wollen nicht laufen. Sie wollen hier stehen bleiben und warten. Warten auf das Unausweichliche. Genau hier. „Bitte helft mir! Helft mir doch! Warum starrt ihr mich bloß so an? Was habe ich euch getan? Bin ich so ein böser Mensch? Was habe ich verbrochen? Was habe ich falsch gemacht? Ich mache es wieder gut. Ich verspreche es. Aber bitte, haltet es auf.“ Ich erstarre. Noch immer lacht die Menschengruppe. Noch immer zeigt sie auf mich. Der Fels wird immer bedrohlicher. Ich kann seine Kälte spüren. Ich weiß, wie stark er ist. Ich weiß, was er will. Ich bin schuld. Ich spüre den kalten Atem des Todes. Warum habe ich Angst? Das ist es doch, was ich will. Das ist immer mein Wunsch gewesen. Warum stelle ich mich so an? Sie alle warten darauf, dass mich der Schattenfels zertrümmert. Er ist genau vor mir. Eiskalt. Ich friere. Ich japse nach Luft, doch nicht mal die ist mir geblieben. Mein Brustkorb schmerzt, meine Lunge brennt. Ich spürte den Schmerz. „Lass los, gib dich mir hin. Ich verspreche, es wird nicht wehtun. Ich werde dir nicht wehtun. Ich verspreche dir, du wirst nichts spüren. Du musst es nur zulassen. Lass es zu.“ Ich höre noch das letzte laute Geräusch. Die lärmende Menge ist verstummt. Ich sinke zu Boden und er hält sein Versprechen. Ich spüre keine Schmerzen. Ich fühlte mich so leicht. Alles ist so klar. Es ist so leicht, zu sterben. Warum habe ich mich gewehrt? Danke.

© Svea Kerling aus „Schwarz oder Weiß, Borderliner kennen kein Grau“, erschienen 2014 im Orange Cursor Verlag, Klagenfurt

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